resa: (look no further)
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Cornelia Funke hat mal über ihre Bücher gesagt, dass… Sie hat mal genau das gesagt, was ich euch jetzt gerne sagen möchte. Aber ich sag euch jetzt nicht, was sie gesagt hat. Denn es ist traurig, dass man solche Reden immer mit anderen, schlaueren und berühmteren Menschen als sich selbst beginnt. Anstatt dass man auf sich vertraut und einfach sagt, was einem auf dem Herzen liegt, sagt man Dinge, die andere Leute gesagt haben und zitiert sie dann wohlmöglich auch noch. Ich versuch jetzt mal mein eigenes Herz zu zitieren, denn eine Herzenssache ist es und diesen Aufwand hat sie, diese Sache, echt verdient.

Ich glaube, ich habe etwas, was ein paar von uns fehlt, und darum schreibe ich manchmal. „Na so was. Und was ist das?“ werden sich jetzt bestimmt einige von euch fragen. Ich bin erst Mitte 20 und darum kann es nicht meine groooße Lebenserfahrung sein, die ich teilen möchte. D.h. zumindest nicht im herkömmlichen Sinne, denn wie soll uns denn das weiterbringen? Ich habe diese Erfahrung gemacht, jemand anders die nächste, vielleicht mal zwei tatsächlich die gleiche und hey - auch das ist wichtig! Es hilft uns sehr, zu wissen, dass wir mit unseren Lebenserfahrungen nicht allein sind, vor allem mit den schwierigen, mit den traurigen. Was ich uns aber auf jeden Fall schenken kann, auch ohne die Erfahrungen gemacht zu haben, die der eine oder die andere gemacht hat, und ohne auch nur von ihnen zu wissen - das ist vielleicht eine andere Perspektive.

Ich will mich nicht weise nennen, aber ich weiß, dass ich in den letzten Jahren viel übers Leben gelernt habe. Vor zwei Jahren war darum die Geschichte, die ihr jetzt gleich lest, so noch nicht möglich. Damals hab ich es anders versucht, nicht schlechter, aber vielleicht etwas ungelenker. Die Ideen, die Figuren, sie alle stammen aus dem Sommer 2007, aber so erzählen konnte ich diese Geschichte erst vor zwei Monaten.

Und das hat Cornelia Funke mal über ihre Bücher gesagt? Nee. Cornelia Funke hat mal gesagt, dass…

Ich möchte helfen. Wenn ich schreibe, möchte ich anderen Menschen helfen und in diesem Fall, seid ihr das, hier. Und wenn ich das so schreibe, ohne die „“ drum herum und die Cornelia davor, klingt das ganz schön großspurig. Darum horch ich jetzt noch einmal nach, was ich eigentlich sagen möchte und sag’s. Was ich will, ganz sicher, ist euch eine Freude machen.

Egal, wie’s euch gerade geht. Die Geschichte wird nicht allen von euch gefallen, das weiß ich, aber ein Geschenk ist sie trotzdem. Sie ist ganz besonders auch für die von euch gedacht, denen es gerade nicht so gut geht. Irgendwie ist gerade ganz schön der Wurm drin, oder? Ich hoffe, ihr könnt vielleicht ein wenig lächeln, während ihr sie lest. Ich hoffe, ihr alle lächelt. Und wenn jemand sogar lacht, muss er einen Kommentar schreiben und das zugeben! Hahahahahaha!

Äh.


So. Nachdem wir das jetzt auch geklärt haben, geht’s los.

Ich wünsch euch viel Spaß mit dem ersten Abenteuer des kleinen Elefanten!

 


Der kleine Elefant räumt auf
1. Kapitel
Eine Geschichte, in der es darum geht, was Dean und Frau Zimmermann werden möchten.

Wenn man den Titel dieser kleinen Geschichte so liest, könnte man meinen, dass Dean und Frau Zimmermann noch sehr, sehr jung sind. Schließlich wissen Erwachsene doch meistens schon, was sie werden wollen. Sie haben sich den Feuerwehrmann oder die Ballerina abgeschminkt - und ja, sind eben meistens auch schon etwas. Dean und Frau Zimmermann sind aber schon erwachsen, wissen aber noch nicht, was sie einmal werden möchten.


(Allein die Anrede, "Frau Zimmermann", ist doch schon recht verräterisch, oder? Nennt man denn ein junges Mädchen „Frau“. Na, vielleicht.)

Dean und Frau Zimmermann sind gute Freunde und quasi Nachbarn. Sie wohnen zwar in dem gleichen Haus, aber das hat acht Stockwerke und Dean muss immer viele Treppen laufen, wenn Frau Zimmermann zum Kaffee einlädt, denn das tut sie oft und fast jedes Mal ist der Fahrstuhl außer Betrieb. Aber so bleibt Dean fit, sagt er sich. Und Frau Zimmermann findet das auch. Dean ist 25 Jahre alt, Frau Zimmermann ist 28. Wie Frau Zimmermann eigentlich heißt, ist hier nicht so wichtig, weil Dean sie eh immer nur bei ihrem Nachnamen nennt. Alle anderen übrigens auch.

(Wer "alle anderen" sind, erfahrt ihr noch früh genug.)

Jedenfalls arbeitet Frau Zimmermann jeden Tag, die ganze Woche im Büro, bis auf sonntags. Da läd sie sich Dean zum Frühstück ein und er muss die Brötchen mitbringen. Dafür arbeitet Dean aber auch nicht jeden Tag, die ganze Woche im Büro und kann die Brötchen theoretisch auch schon vor Sonntag holen. Hat er aber noch nie gemacht, weil sie beide ihre Brötchen frisch mögen. Frau Zimmermann kocht den Kaffee. Außerdem bringt Dean die Zeitung vom Briefkasten mit hoch. Liegt schließlich auf dem Weg vom Bäcker hoch zu Frau Zimmermann, oder?

Und genau an so einem Sonntagmorgen befinden wir uns auch in dieser Geschichte. Frau Zimmermann wohnt im 7. Stock (Dean nur im 2.) und so kommt Dean gerade vom Bäcker. Er läuft die Treppen hoch und sucht dabei in seiner Hosentasche nach dem Wohnungsschlüssel. Den hat er nämlich schon vor Ewigkeiten von Frau Zimmermann bekommen. Dean und Frau Zimmermann kennen sich seit der Grundschule, d.h. Dean kennt Frau Zimmermann, seit er in der zweiten Klasse war und Frau Zimmermann kennt Dean, seit sie in der sechsen Klasse war. (So ist das mit den Altersunterschieden, nie ganz einfach.) Sie haben sich auf dem Nachhauseweg kennengelernt, als Dean fast von einem Auto angefahren wurde, weil er am Zebrastreifen nicht richtig aufgepasst hatte.

Er hatte sich damals furchtbar erschreckt und ganz dolle geweint. Als Frau Zimmermann das gesehen hatte, war sie zu ihm gelaufen und hatte ihn gefragt, ob er sich verletzt hatte. Sie hatte sich auch zwischen Dean und den erbosten Autofahrer gestellt, der ganz wütende Worte zu Dean sagte und ärgerlich mit den Armen rumwedelte, sodass Dean gar nicht aufhören konnte zu weinen. 'Das ist ja eine ganz schöne Heulsuse', dachte Frau Zimmermann damals, sagte das aber nicht. Eigentlich weinte Dean auch nicht so viel, aber wenn man in der zweiten Klasse fast angefahren wurde, dann durfte man das schon mal, auch als Junge, fand Frau Zimmermann. Jedenfalls hatte Dean sie von da an total lieb und sie ihn auch.

Zusammen sind Dean und Frau Zimmermann aber nicht. Aber er hat einen Schlüssel für ihre Wohnung. (Und sie für seine.)

So steckt Dean also den Schlüssel ins Schloss und als er die Tür öffnet, kommt ihm der vertraue Geruch von Sonntagskaffee und die gedämpfte Stimme des Radioansagers ihres gemeinsamen Lieblingssenders entgegen. Er zieht sich die Schuhe aus und schlüpft in die Puschen, die Frau Zimmermann für ihre Gäste neben der Kommode im Flur aufbewahrt. Dean zieht immer die blauen an, weil blau seine Lieblingsfarbe ist.

Vorsichtig drängelt er sich vorbei an all den Taschen, die Frau Zimmermann im Flur, kunterbunt über hunderte von Haken drapiert, aufbewahrt und steckt seinen Kopf durch den Vorhang, der die Küche vom Flur trennt. Es ist kein Vorhang aus Stoff, sondern aus vielen kleinen Steinen und darum klimpert er und Dean kann sich nicht anschleichen. Will er auch gar nicht.

"Guten Morgen", sagt er, legt die Brötchen auf den Tisch und streckt sich noch einmal sehr ausgiebig. Dabei muss er vorsichtig sein, denn Dean ist ganz schön groß und Frau Zimmermanns Küche ist das nicht. Aber natürlich passt er mal wieder nicht auf und so stößt er mit dem rechten Arm an den Wandschrank, in dem sich die Gewürze stapeln, und mit dem linken an Frau Zimmermanns Kopf, die gerade die Teller aus einem anderen Schrank holt.

"Aua", sagt sie und dann: "Guten Morgen."

"Guten Morgen", sagt dann auch ihr Lieblingsradiomoderator und nachdem sich nun alle freundlich begrüßt haben, können sie sich auch setzen und frühstücken.

Dean gähnt nochmal, greift dann aber kräftig zu. Zuerst isst er ein Brötchen mit Erdbeermarmelade, dann ein Ei und dazu eine Schüssel Müsli. Frau Zimmermann trinkt zuerst einen Pfefferminztee und dann ein große Tasse, die eigentlich eine Müslischüssel ist, gefüllt mit Kaffee. (Dean ist sich aber ziemlich sicher, dass seine Müslischüssel auch wirklich so eine und keine Kaffeetasse ist.) Sie hören sich gemeinsam die Nachrichten um 8.30 Uhr an, genießen die Sonne, die durch das Fenster auf den reichlich gedeckten Tisch fällt und fühlen sich wohl. Auch wenn Frau Zimmermann ein bisschen griesgrämig guckt. Dean weiß trotzdem, dass sie sich darüber freut, mit ihm zu frühstücken. Das macht sie nämlich öfters. (Und zwar alles.) Frau Zimmermann weiß auch, dass Dean sich freut, mit ihr zu frühstücken, denn er lächelt die ganze Zeit.

Und jetzt sind wir an dem Punkt angekommen, an dem es wirklich darum geht, dass diese beiden noch nicht wissen, was sie einmal werden wollen. Dean studiert BWL (damit sagt man später in Firmen, wie man die Firma leiten muss), findet das aber nicht mehr so richtig toll wie am Anfang. Aber er macht's halt. Frau Zimmermann arbeitet in einem Büro in einer Firma, verdient Geld, und das findet sie auch toll, aber irgendwie hatte sie sich das Erwachsensein immer ein wenig anders vorgestellt. Sie findet es auch total schwer, sich als Erwachsene zu sehen, denn seit ihrer Kindheit waren Erwachsene schließlich immer die, die wussten, was sie wollten.

Und weil sie das eben noch nicht wissen, schlagen Dean und Frau Zimmermann jeden Sonntag zusammen die Zeitung auf und sind auf der Suche danach, was sie wohl mal werden könnten. (Dazu nehmen sie auch manchmal die Zeitung vom Vortag dazu, denn da sind die Stellungsanzeigen drin. Frau Zimmermann arbeitet ja auch samstags und hat darum keine Zeit, sie am gleichen Tag zu lesen.) Sie lesen von Unfällen auf der Autobahn, Krieg im Nahen Osten und wünschen sich, dass sie irgendetwas machen könnten, damit das aufhört. (Ja, die Unfälle und der Krieg. Beides finden sie unsinnig und überflüssig.) Nur leider wissen sie nicht ganz genau, wie sie das anfangen sollen.

Dean hat mal überlegt, ob er nicht eine Firma gründen soll, die Menschen zeigt, wie sie sicher Autofahren können, auch auf Autobahnen. Aber da hat Frau Zimmermann gesagt, dass es dafür schon die Fahrschulen, den ADAC und sogar die Polizei gibt. "Ja, aber die machen's ja anscheinend nicht richtig", hat er geantwortet. Frau Zimmermann hat daraufhin nur mit den Schultern gezuckt.

Frau Zimmermann hat mal überlegt, ob sie nicht nach Afrika oder Südamerika fliegen und da Menschen helfen soll. Sie glaubt, dass sich das gut anfühlen muss, viel, viel besser als ihre Arbeit im Büro. Als Chefassistentin macht sie zwar auch anderen Menschen das Leben leichter, nämlich ihrem Chef, aber "wie wäre es denn", hat sie mal gefragt, "eine Schule zu bauen, damit die Kinder lernen können?" Oder ein ganzes Dorf? Anstatt darauf zu achten, dass ihr Chef seine Termine einhält. Frau Zimmermann glaubt, dass das ein ganz wunderbares Gefühl sein muss und als sie Dean davon zaghaft erzählt hat, war er sofort Feuer und Flamme. Am liebsten hätte er ihr sofort ein Flugticket gekauft, damit sie sich diesen Traum erfüllen kann, aber da bekam Frau Zimmermann es mit der Angst zu tun. So weit weg von Zuhause, stattdessen so viele kranke und arme Menschen um sie herum und... Halt auch kein Dean. (Das hat sie nicht gesagt, weil sie eben so ist.)

Also sitzen sie immer noch gemeinsam jeden Sonntag zusammen beim Frühstück und suchen nach etwas, das sie mit Stolz und Freude erfüllen könnte.

"Guck mal hier", sagt Dean als er sich den Sportteil besieht, "da wird über ein Motivationsproblem im deutschen Schwimmsport geklagt."

Frau Zimmermann sieht ihn über den Rand ihrer Brille und den des Teils der Zeitung, den sie gerade in der Hand hält, an.

"Und?"

"Na, das könnteste doch machen."

"Ein Motivationsproblem?" fragt Frau Zimmermann. Sie meint es nicht ganz ernst, guckt aber so.

"Quatsch. Motivieren!" Dean meint es ernst und guckt auch so.

"Ich?"

"Na klar!" meint Dean und sieht sehr zufrieden mit sich aus.

"Mach du doch."

"Ich mag den Geruch von Chlor nicht."

"Ich glaube nicht, dass man die Schwimmer immer im Schwimmbad motivieren muss."

"Aber die Schwimmer, die riechen auch so."

"Wenn du das sagst...", sagt Frau Zimmermann und schenkt sich Kaffee nach.


Frau Zimmermann weiß natürlich, dass Dean es nur gut meint. Trotzdem findet sie manchmal, dass er ihre Talente komplett falsch einschätzt. Sie weiß, was sie gut kann - organisieren. Sie organisiert das Büro. Aber sie will ja nicht ihr Leben lang das Büro organisieren. Sie will anderes, großes, nicht-leicht-Organisierbares organisieren. Sie will ins Chaos stürzen und dann sortieren. Ein Schwimmbad ist nicht Chaos genug. Außerdem mag sie keine Sportler, die hält sie für arrogant. (Dean mag sie aber schon, aber der joggt ja auch nur manchmal. Arrogant ist er manchmal trotzdem, aber nicht so dolle und auch nicht oft. Dann mag sie ihn allerdings nicht mehr ganz so sehr wie sonst.) Motivieren gehört jedenfalls nicht zu ihren Talenten. Das kann sie nicht gut, nicht mal sich selbst.

Dean findet aber, dass niemand besser für den Job gemacht wäre als seine Frau Zimmermann. Sie ist eine Meisterin darin, ihn zu motivieren. Sie muss nur einmal schief über ihre Brille schauen (so wie eben, als er den Vorschlag gemacht hat) und schon will Dean aufspringen und ganz viele Dinge tun. Wenn sie sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht hinters Ohr streicht, hat es ungefähr die gleiche Wirkung auf Dean. Das macht sie meistens, wenn er wirklich doofe Vorschläge macht. (Und ganz egal wie er sich gibt, manchmal, manchmal weiß Dean echt, dass er doofe Vorschläge macht, auch wenn er noch so begeistert von ihnen ist.)

Dean weiß nicht ganz, ob es gut oder schlecht ist, dass das eine meistens das andere beeinflusst. Also, immer wenn Dean doofe Vorschläge für ihre Zukunft macht, dann streicht sich Frau Zimmermann eine Strähne hinters Ohr und Dean wird super motiviert und will was tun. Also macht er einen weiteren dummen Vorschlag und Frau Zimmermann streicht sich noch eine Strähne hinters Ohr und das geht immer so weiter! Frau Zimmermann hat allerdings nicht endlos viele Strähnen im Gesicht hängen. Meistens nur zwei. Aber die fallen ihr ständig wieder aus ihrem Zopf heraus oder von hinterm Ohr zurück mitten auf die Nase. Darum gibt es da so viele Strähnen zum Wegstreichen. Dean glaubt jedenfalls deswegen, dass sie beide ihre Kapazitäten noch nicht ganz optimal nutzen.

Dean weiß aber eine Sache, die Frau Zimmermann fast noch besser kann als ihn zu motivieren, endlos viele dumme Vorschläge zu machen - Geschichten erzählen nämlich. Und aufschreiben. Das kann Frau Zimmermann wirklich super gut. Dean mag ihre Geschichten total gerne und glaubt, dass sie bestimmt auch anderen total gut gefallen würde. Vor allem Kindern, denn für die schreibt Frau Zimmermann am liebsten. Diese Geschichten von verschwundenen Schulranzen und neuen Haustieren gefallen Dean schon so gut, dass Kinder sie bestimmt lieben müssen. Dean weiß nicht, was Frau Zimmermann darüber denkt, aber bisher hat sie noch nie erwähnt, dass sie ihre Geschichten wem anderes als ihm vorgelesen hätte. Darauf ist Dean natürlich auch ein bisschen stolz, aber er findet es auch ganz schön schade. Aber da lässt Frau Zimmermann auch nicht mit sich reden. Dean hat’s versucht, aber keine Chance. Frau Zimmermann besteht darauf, dass sie noch viel mehr Übung braucht, bis sie ihre Geschichten wem anders als Dean zeigen kann. Und genau darum besteht er auch darauf, dass Frau Zimmermann jeden Sonntag fleißig mit ihm übt. Das muss er auch gar nicht mehr sagen, das weiß sie schon.

Darum räumen sie irgendwann den Frühstückstisch ab, setzen eine neue Kanne Kaffee auf und Frau Zimmermann holt sich ihren Laptop in die Küche. Aber dann beginnen die allsonntäglichen Probleme. Dean und Frau Zimmermann haben sich schon längst an sie gewöhnt, aber doof sind sie trotzdem. Frau Zimmermann würde nämlich gern schreiben und üben, üben, üben („und üben!“ würde Dean noch hinzufügen), aber sie kann das nicht gut. Im Moment zumindest nicht. Irgendwo müssen schließlich die Geschichten herkommen, die Dean so toll findet, aber nun sitzt sie wieder da und weiß nicht, was sie sagen soll. Sie denkt an Autobahnunfälle, Kinder in Südamerika, die nichts zu essen haben, und die Motivationsprobleme im deutschen Schwimmerteam.

„Mach mal“, sagt Dean.

„Tja“, sagt Frau Zimmermann nachdenklich. „Was?“

„Na, schreib“, sagt Dean.

Da klingelt's an der Tür und Dean und Frau Zimmermann gucken sich ernst an. Dean sagt stumm: "Du bleibst sitzen und schreibst, Frau Zimmermann", und Frau Zimmermann denkt sehr intensiv (oder zumindest glaubt Dean das): "Na, meinetwegen", und schenkt sich Kaffee nach. Sie trinkt viel zu viel Kaffee. Dean öffnet die Tür und da steht Daniel. Er hat eine Tasche dabei und hält einen kleinen Elefanten auf dem Arm. Aber der schläft noch.

Daniel ist Student wie Dean, aber ein bisschen älter. Keiner weiß genau wie alt und "das ist gut so", sagt Daniel. Vielleicht ist er sogar älter als Frau Zimmermann. Daniel ist auch größer als Dean, was aber nicht schwer ist, weil Dean recht klein ist, sogar kleiner als Frau Zimmermann. Aber nicht viel. Daniel wohnt auch im gleichen Haus wie Dean und Frau Zimmermann und hat eine kleine Schwester, die gerade mal 14 Jahre alt ist. Außerdem sieht er immer etwas dreckig aus, weil seine Haare sich zu dicken Dreadlocks verfilzt haben. Frau Zimmermann rümpft da immer ordentlich die Nase drüber, aber Dean findet die cool.

"Morgen", sagt Daniel.

"Morgen."

"Kaffee?"

"Frau Zimmermann?" fragt Dean.

"Kaffee", sagt Frau Zimmermann.

"Na, dann komm rein", sagt Dean.

Und das macht Daniel dann auch. Er greift sich einen Klappstuhl, den Frau Zimmermann in einer Nische im Flur aufbewahrt und quetscht sich zu Frau Zimmermann und Dean an den Küchentisch. Frau Zimmermann will ihm eine Tasse holen, aber Dean guckt sie böse an (so böse, wie Dean halt Frau Zimmermann angucken kann) und sie lässt es Dean machen. Daniel will außerdem Zucker in seinen Kaffee. Weder Dean noch Frau Zimmermann nehmen Zucker in ihren Kaffee. Trotzdem hat Frau Zimmermann welchen da. Zum Glück. Daniel holt zwei Rotstifte aus seiner Hosentasche.


Frau Zimmermann stöhnt und will nicht schreiben. Sie möchte viel lieber das tun, was Daniel und Dean jetzt tun. Daniel hat nämlich einen Riesenstapel Papier mitgebracht, den andere Menschen beschrieben haben, viel kleinere Menschen. Daniel gibt nämlich Nachhilfe und muss da immer ganz viele Aufsätze korrigieren, weil seine Schüler noch nicht so gut schreiben können. Und das macht er meistens am Sonntag zusammen mit Dean bei Frau Zimmermann, weil auch er Frau Zimmermann gern hat, aber sie nicht häufig sieht. Und Dean hat Daniel gern und darum hilft er ihm dabei. Und weil Dean Kinder mag und sich freut, ihnen beim Schreiben lernen zu helfen. Manchmal bringt Daniel auch kleine Stempel mit, auf denen dann steht: "Gut gemacht!" oder "Weiter so!" Dean liebt die und benutzt sie, so oft er kann. Heute hat Daniel sie leider nicht dabei.


Eigentlich könnte alle drei noch eine ganze Weile das tun, was sie sollen und wollen (mit roten Stiften) oder eben nicht sollen (nicht schreiben) und es gäbe nichts weiter Interessantes zu erzählen. Frau Zimmermann könnte traurig sein, weil sie glaubt, nie Kindern ihre Geschichten vorzulesen und Dean könnte weiter vor sich selbst verstecken, dass er eigentlich riesige Angst davor hat, nie herauszufinden, was ihn glücklich macht. Und von Daniel reden wir jetzt noch gar nicht.

Aber zum Glück gibt es ja noch den kleinen Elefanten, den Daniel mitgebracht hat. Der ist nicht jeden Sonntag dabei, wenn Frau Zimmermann, Dean und Daniel zusammensitzen, aber an denen, an denen sie ihn brauchen, schon.

Und darum wacht er auch heute langsam auf und ist erst einmal ganz schön verwirrt. Denn Frau Zimmermanns Küche ist nicht sein Schlafzimmer und obwohl er Frau Zimmermanns Küche kennt, ist er doch verwirrt, weil er erwartet hatte, in seinem Schlafzimmer aufzuwachen. Er schnaubt kurz und eine Hand tätschelt ihm den Kopf. (Er liegt nämlich unten am Boden auf einem Kissen. (Frau Zimmermann mag den kleinen Elefanten, darum hat sie ein Kissen für ihn.)) Dann stapft er los. Er spürt einen leichten Hunger, aber seine Neugier ist stärker. Da gibt es nämlich etwas, das er unbedingt herausfinden muss.

Erwartungsvoll schlendert er an hohen Küchenregalen vorbei, vor denen er keine Angst hat, auch wenn sie so groß sind (das sagt er sich jedenfalls). Dann steht er im Flur und ist im Siebten Himmel, denn unser kleiner Elefant liebt Frau Zimmermanns Taschen.

Dean fallen sie schon fast nicht mehr auf und Daniel hat ihnen nie große Beachtung geschenkt, aber Frau Zimmermann hat immens viele Taschen. Und sie sind alle im Flur. An Haken hängen sie in mal regelmäßigen, mal nicht regelmäßigen Abständen an der Wand verteilt, von rechts nach links, von oben nach unten. Und der kleine Elefant trötet vor Freude.

Aus der Küche kommt keine Antwort, aber das ist auch nicht schlimm, denn der kleine Elefant weiß ganz genau, was er zu tun hat. Heute ist nämlich sein Glückstag. Und er hat so lange darauf gewartet.

Aber darum geht es erst gleich.

Dean sagt nämlich erst einmal: „Oh“ und Frau Zimmerman und Daniel ignorieren ihn beide. Das meinen sie nicht böse, aber Dean sagt halt öfter mal „oh“ und da ist da oft nichts bei.

Doch dieses Mal ist es wichtig und darum sagt er’s nochmal und er fügt hinzu:

„Sebastian Heuhausen schreibt in seinen Aufsatz über seine Sommerferien, dass sein Vater sich jeden Tag über ihren Postboten geärgert hat.“

„Aha“, sagt Daniel, ohne von seinem Aufsatz aufzuschauen.

„Er schreibt, dass sein Vater gemeint hätte, ihr Postbote käme nie pünktlich und würde wichtige Dokumente von der Versicherung verlieren.“

„Tja“, sagt Frau Zimmermann, und streicht sich eine Strähne aus der Stirn.

„Ich werde Postbote“, sagt Dean.

Und beide, Frau Zimmermann und Daniel schauen verwundert auf.

„Okay“, sagt Frau Zimmermann dann und Daniel nickt. „Klingt gut“, sagte er, „Leute wie dich kann die Post sicher gebrauchen.“

Das findet Dean nämlich auch. Postbote. Warum ist er darauf noch nicht früher gekommen? Er bekommt doch schon sein ganzes Leben lang Post! Aber so ist das nun mal.

Gleich morgen würde er zur Post gehen und fragen, wann er anfangen könnte. Die Menschen brauchen gute Postboten und er will so einer sein. Nicht, dass er glaubt, dass Sebastians Postbote ein schlechter ist, aber vielleicht nicht ganz der richtige für Sebastians Vater. Sebastians Vater braucht einen Postboten, der keine wichtigen Dokumente verlegt und sie vielleicht ein paar Tage später bringt. Außerdem braucht er einen Postboten, der extra eine Stunde früher kommt, als in seinem neuen Dienstplan steht. Manche Menschen verstehen es halt nicht so gut, wenn sich Dinge in ihrem Leben ändern. Das ist ja nicht schlimm, aber dann muss man sich eben besonders um sie kümmern.

Zufrieden setzt Dean einen Haken unter Sebastians Aufsatz und nimmt sich den nächsten.

Frau Zimmermann hat inzwischen immer noch kein Wort geschrieben, obwohl sie kurz darüber nachgedacht hat. Denn Frau Zimmermann findet Uniformen total toll und darum hat sie sich Dean in einer gelben Uniform vorgestellt, mit Mütze und Fahrrad und allem. Und dann hat sie aufgehört mit dem Denken, weil darüber kann sie nicht schreiben. „Schreib“, denkt sie, „schreib.“ Aber jetzt sitzt sie halt da, stellt sich Dean in Postbotenuniform vor und schreibt nicht.

Darum ist jetzt wieder Zeit, um von dem kleinen Elefanten im Flur zu erzählen. Der stapft nämlich immer noch ganz aufgeregt auf der Stelle und trötet ein paar Mal, was aber niemand beachtet. (Das ist ein bisschen wie mit Deans „oh“ und also auch nicht böse gemeint.) Aber das ist ihm auch egal, denn dazu freut er sich zu sehr. Manchmal muss man sich auch einfach erst einmal alleine freuen, ein bisschen tanzen und tröten, bevor man zu seinen liebsten Menschen stapft und sich ordentlich hinter den Ohren kraulen lässt. Und das macht der kleine Elefant erst einmal ausgiebig.

Der Grund dafür ist dieser:

Vor einigen Wochen, auch an einem Sonntag, war er mit seinen liebsten Menschen auf dem Spielplatz gewesen. Er war durch die Sandkiste gestapft und war dafür getadelt worden, dass er mit Sand geschmissen hatte. Und das hatte ihm auch leid getan im Nachhinein. Aber Sand war toll! Dann war er auf der Rutsche gewesen. Uuuuund wieder unten. Und wieder oben. Uuuuund wieder unten. Und wieder oben und wieder unten und wieder und wieder oben und unten. Außerdem hatte er geschaukelt wie wild, aber das natürlich nicht alleine. Frau Zimmermann hatte ihn auf den Schoß genommen und Dean hatte Anschubs gegeben. Sie hatten fast einen Überschlag geschafft! Dean war so ein toller Anschubser.

Und dann war es plötzlich passiert – das Pfauenauge war verschwunden! Das Pfauenauge war Frau Zimmermanns Lieblingsohrring und sie war sehr, sehr traurig, als sie bemerkte dass es fehlte. Sie suchten den ganzen Spielplatz ab, die Sandkiste, das Klettergerüst und natürlich die Schaukeln, aber niemand fand ihn. Er war einfach verschwunden. Frau Zimmermann liebte diesen Ohrring und dass sie ihn verloren hatte, war doppelt doof, weil sie eh nur noch einen besaß. Der kleine Elefant hatte sich nie groß für das Pfauenauge interessiert, aber es war Frau Zimmermanns Lieblingsohrring und da hatte es ihm fast ein wenig leid getan, dass er es nie richtig zu schätzen gewusst hatte. Denn jetzt war es weg und Frau Zimmermann traurig.

Dieser Tag auf dem Spielplatz hatte dem kleinen Elefanten super viel Spaß gemacht, aber als sie nach Hause gingen, schauten sie alle ganz schön betröppelt drein. Darum machte der kleine Elefant noch einmal eine letzte Runde und guckte ganz genau. Irgendwo musste der Ohrring schließlich sein. Und siehe da, neben dem Zaun, unter dem dicken Zweig von dem dunkelgrünen Busch mit den dicken roten Beeren, da lag er! Der kleine Elefant hatte ihn gefunden! Und, das musste er zugeben, er schimmerte schon ganz schön toll und er bildete sich ein, dass er das vorher noch nicht getan hatte.

Gerade wollte er ganz aufgeregt zu Frau Zimmermann laufen, da drehte jemand am Hahn der Wolken und ganz viele Badewannen kamen vom Himmel herunter. Er musste gar nicht erst zu Frau Zimmermann laufen, denn die kam jetzt zu ihm, schnappte ihn sich, steckte ihn in ihre Tasche und zog den Reißverschluss zu.

Das klingt zwar ganz schön rabiat, aber keine Angst, Frau Zimmermann hat viele große Taschen und in die passt ganz viel Luft. Ein bisschen ärgern tat es den kleinen Elefanten schon, denn schließlich hielt er immer noch das Pfauenauge mit seinem Rüssel. Und eigentlich mochte er Regen, denn da wurde er immer so schön nass und Nass sein fand er super, aber seine liebsten Menschen sahen das eben nicht so. Wenn er irgendwann mal groß war, würde er eine große Tasche mit zum Spielplatz nehmen und sie alle da rein stecken, wenn es zu regnen begann.

Auf der anderen Seite, das bemerkte er, als er im Dunkeln lag und getragen wurde, war er ganz schön müde. Und so kam es, dass der kleine Elefant auf dem Nachhauseweg in Frau Zimmermanns Tasche einfach einschlief und erst wieder aufwachte, als ihn jemand aufs Sofa hob und ihm eine Decke überwarf.

Und als er dann wieder richtig wach war, so war das nun mal manchmal im Leben, hatte er Frau Zimmermanns Lieblingsohrring komplett vergessen. Frau Zimmermann wirkte auch so, als hätte sie ihn vergessen und alle anderen auch. Und so fiel er dem kleinen Elefanten so schnell auch nicht wieder ein. Aber als er an diesem Sonntagmorgen zwischen Frau Zimmermanns, Deans und Daniels Beinen aufwachte, wusste er, dass er unbedingt in die große gelbe Tasche gucken musste, in die ihn Frau Zimmermann gesteckt hatte.

Und das tut er auch. Und da ist er auch, der Ohrring.

So kommt es, dass Frau Zimmermann plötzlich aufhört an Dean in seiner Postbotenuniform zu denken und sich an den Menschen erinnert, der ihr diesen Ohrring einmal geschenkt hatte. Als der kleine Elefant zurück in die Küche kommt und ihr das Pfauenauge in den Schoß legt, lächelt sie und denkt an Thomas, der den anderen Teil dieses Paares besitzt. Thomas war mal ein sehr wichtiger Teil ihres Lebens gewesen, aber das war schon lange nicht mehr so. Aber Frau Zimmermann ist kein Mensch, der schöne Erinnerungen an einen Menschen wegwirft, nur weil ihr Zusammensein in Traurigkeit geendet hatte.

Darum schnappt sie sich auch jetzt den kleinen Elefanten, aber nicht, um ihn in eine Tasche zu stecken, sondern um ihn auf ihren Schoß zu heben und ausgiebig seine dicke Haut zu kraulen. Dann steckt sie sich Pfauenauge an und Dean sagt mal wieder „oh“, Daniel sagt „Da ist er ja“, und Frau Zimmermann beginnt die Geschichte von Thomas dem Postboten aufzuschreiben. Dieser Thomas ist immer sehr gewissenhaft, pünktlich und nett, aber eines Tages ist seine Briefträgermütze verschwunden und er fühlt sich ganz falsch ohne sie. Und darum beantragt er keine neue, sondern macht sich auf die Suche nach der alten.

Frau Zimmermann weiß noch nicht genau, wie er das schaffen wird, denn nicht jeder hat einen kleinen Elefanten, der einem dabei hilft verloren gegangene Dinge wiederzufinden. Aber Frau Zimmermann ist sich sicher, dass er das schon irgendwie hinkriegen wird. Denn schließlich ist es eine besondere Mütze und solche Mützen verschwinden nicht einfach so und schon gar nicht für immer.

Dean und Daniel wundern sich kurz, als Frau Zimmermann sich plötzlich gerade hinsetzt und ernsthaft beginnt zu tippen. Dean möchte am liebsten wissen, was Frau Zimmermann schreibt, weiß aber, dass man sie jetzt am besten nicht stört. Daniel ist auch ein wenig neugierig, aber nicht so sehr wie Dean, ist darum pragmatisch und setzt neuen Kaffee auf.

Dean versucht einmal, zumindest einen kleinen Hinweis darauf zu bekommen, was Frau Zimmermann jetzt schreibt und fragt: „Na, geht‘s jetzt los?“ aber dafür ist es schon zu spät. Frau Zimmermann antwortet nicht mehr. Sie trinkt noch drei weitere Tassen Kaffee, bevor sie das erste Mal an diesem Morgen zur Toilette läuft und Dean die Chance gibt, heimlich auf ihren Bildschirm zu schauen. Aber das macht er natürlich nicht.

An diesem Sonntag schreibt Frau Zimmermann das erste Kapitel von ihrem Buch „Als der Briefträger seine Mütze verlor“ und beginnt das zweite. Daniel und Dean korrigieren gemeinsam 40 „Ich und meine Familie“-Aufsätze und Dean beschließt kurzerhand, Postbote zu werden. Und das alles an einem Sonntag. Viele Menschen tun weniger an ihren Sonntagen und auch nicht jeder gemeinsame Sonntag von Dean und Frau Zimmermann ist so produktiv wie dieser. Daniel ist nicht immer dabei und auch der kleine Elefant nicht. Nicht jeden Sonntag korrigiert Dean Schüleraufsätze und findet zwischen den Zeilen Postboten, die zu spät kommen oder Briefe verbuseln. Frau Zimmermann sieht auch nicht jeden Sonntag so klar wie an diesem und kann einfach schreiben, was in ihrem Herzen steht.

Aber an diesem klappt eben all das und genau darum steht das hier. Denn schließlich geht es hier darum, was die beiden glücklich macht, und das sind genau Sonntage wie dieser.

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